Und dann war Weihnachten.

 

Dezember.
Abendlicht.
Eigentlich schon Weihnachten, beinahe.
Kalt bestimmt, eisig.
Und doch irgendwie noch nicht Weihnachten.
Die ausgetragenen Handschuhe wärmten kaum mehr. Ich trug sie bloss noch, weil sie zu mir gehörten – wie die alte Kropf – wie Tom – wie Timber. Mills hatte sich einen neuen Wintermantel gekauft. Einer dieser Flauschigen. Und bestimmt hätte er sich auch neue Handschuhe gekauft, wenn die Seinen so ausgesehen hätten wie die hier. Und Frau Kropf kaufte sich einen Zweig duftende Weisstanne.
Früher hatte sie sich immer einen Zweig beim grossen Tannenbaum zwei Strassen weiter abgebrochen, doch heute stehen Polizisten um den Baum. Und die Tanne unten am Pier hatte längst einem gläsernen Hochhaus weichen müssen. Früher gab es noch Kerzen bei Macy`s.
Wieder mühte sich ein dunkelroter Lieferwagen durch die enge Seitengasse. Timber murrte kurz in seiner Decke; seine endlose, wohltuende Gleichgültigkeit.
Timber und ich.
Eigentlich Tom und ich – am nächsten die alte Kropf. Hatte auch nichts, ausser uns, und diesem Zweig Weisstanne.
Die Fenster entlang der Strasse waren dunkel und gothisch. Natürlich war es ihr egal, aber ich klärte sie trotzdem auf: gothisch, Kropf, alt wie sie.
Wieder ein Lieferwagen, mit gelber Heckklappe diesmal, und roter Werbeschrift. Ich wusste nicht, ob die Kropf lesen konnte. Ich kannte sie mit Namen, sonst nicht.
Oberflächlich nur, nicht besser – was wusste sie von mir? Wir wussten mehr über Mills.
Tanzende Schneeflocken schwebten langsam entlang den hohen Fassaden hinunter auf unsere Köpfe, auf unsere Strasse.
Winter, doch, Weihnachten.
Und doch irgendwie noch nicht richtig Weihnachten.
Mills hatte sich dazu eine Mütze gekauft; mit speckigem Fell, eine Art Russen-Mütze. Kalt wie der Winter, dieser Mills. Er kam jeden Morgen aus diesem hell erleuchteten Eingang und blieb davor jeweils stehen. Dann schaute er zu uns hinüber und ging rasch unter dem eisernen Schild mit dem Kreuz Richtung Innenstadt. Er hatte alles, Mills. Eine grosse Wohnung, bestimmt; einen eigenen Plattenspieler und Scheiben von Ellington und Baker. Und wir: absolut nichts, ausser – nichts eben.
Einen Zweig Weisstanne und ein paar Kerzen allenfalls.
Nichts ausser, nichts.
Dann gingen die Lichter der Taverne an. Es war Abend nun, feierlich.
Und doch noch nicht Weihnachten.
Tom war nicht zurückgekommen, den ganzen Tag hindurch nicht. Kauerte er in einem Hinterhof am Boden, sah ihn wohl niemand. Und die, die ihn sehen sollten, würden ihn übersehen.
Keine Lieferwagen mehr. Kein Leben. Kein Tom. Stille.
Drinnen, wohl alle um den leuchtenden Christbaum, vereint.
Draussen, niemand. Heilige Nacht.
Und dann stand Mills mit dieser Ledertasche vor dem Eisentor und verschwand dahinter. Und wir kramten unsere letzte Kerze hervor, zündeten sie an und hielten sie über den Zweig.
Irgendwann musste es soweit sein, dachten wir. Irgendwann.
Heute Mills also. Er sollte es sein. Und wir kauerten uns eng um diese eine Kerze auf dem duftenden Zweig und sahen in die Nacht. Und Mills erschien im fahlen Licht beim Eisentor und knöpfte sich seinen Mantel zu.
Er hatte nichts mehr bei sich.
Und morgen würden wir frisches Brot holen können und wärmende, herrliche Suppe.
Und aus Mills` Wohnung würde Gershwin klingen.
Und nichts weiter.
Dann lag die Strasse wieder weiss und verlassen vor uns.
Und dann war Weihnachten.